Ende August kam eine E-Mail, die vermutlich die wenigsten gelesen haben, die sie bekommen haben. Sinngemäß stand darin: Ab dem 9. September bekommen die Texte eines der großen KI-Modelle ein Wasserzeichen. Andere Modelle folgen in den Wochen danach.
Ich arbeite täglich mit diesen Werkzeugen. Deshalb erkläre ich, was da passiert — bevor es Ihnen jemand als Skandal verkauft.
Was ein Wasserzeichen im Text überhaupt sein soll
Bei einem Foto kennt man das: ein Schriftzug in der Ecke, sichtbar, störend. Bei Text funktioniert es völlig anders.
Ein Sprachmodell hat beim Schreiben an jeder Stelle mehrere Wörter zur Auswahl, die alle passen würden — „deshalb“, „darum“, „aus diesem Grund“. Das Wasserzeichen steuert diese Auswahl minimal: nicht so, dass sich Sinn oder Qualität ändern, aber so, dass über einen längeren Text ein statistisches Muster entsteht. Wer den passenden Prüfschlüssel hat, kann dieses Muster nachweisen. Wer ihn nicht hat, sieht einen ganz normalen Text.
Es kommt also kein Zeichen hinzu, nichts wird länger, nichts wird teurer. Und — das ist der Punkt, der die meisten Menschen zuerst interessiert: Das Wasserzeichen enthält keine Angaben darüber, wer den Text erzeugt hat. Kein Nutzername, keine Firma, kein Gesprächsinhalt. Es sagt nur: „Das kommt aus diesem Modell.“ Nicht: „Das kommt von Ihnen.“
Warum das jetzt passiert
Der Grund heißt EU AI Act. Die europäische KI-Verordnung verlangt, dass KI-erzeugte Inhalte maschinenlesbar als solche erkennbar sind. Diese Pflicht trifft zuerst die Anbieter der Modelle — sie müssen markieren. Deshalb tun das gerade alle großen Anbieter, nicht nur einer.
Für Sie als Unternehmen ist die wichtigere Frage eine andere: Was müssen Sie tun?
Die drei Fälle, die Unternehmen wirklich betreffen
1. Sie setzen einen Chatbot ein. Dann müssen Ihre Besucher erkennen können, dass sie mit einer Maschine sprechen. Das ist die Pflicht, die am häufigsten übersehen wird — und die am leichtesten zu erfüllen ist: ein Satz im Chatfenster genügt.
2. Sie veröffentlichen Texte, Bilder oder Videos, die KI erzeugt hat. Hier kommt es darauf an, ob ein Mensch den Inhalt geprüft und die Verantwortung dafür übernommen hat. Wer redaktionell arbeitet — liest, korrigiert, verwirft, verantwortet —, steht anders da als jemand, der ungeprüft veröffentlicht.
3. Sie erzeugen täuschend echte Darstellungen realer Personen. Deepfakes sind ein eigener Fall mit eigenen Pflichten. Für die meisten Mittelständler nicht relevant — und wenn doch, dann bitte mit anwaltlicher Begleitung.
Das ist eine Orientierung, keine Rechtsberatung. Die verbindliche Einordnung für Ihren Fall gehört zu Ihrem Anwalt.
Was ich selbst mache
Weil Ratschläge wenig wert sind, wenn man sie nicht selbst befolgt:
In meinem Chatfenster steht seit dem ersten Tag: „Dieser Chat nutzt KI (Anthropic Claude). Ihre Nachrichten werden zur Beantwortung dort verarbeitet. Bitte keine sensiblen Daten eingeben.“ Mit Verweis auf die Datenschutzerklärung.
Auf meiner Seite über Software steht, dass meine Werkzeuge gemeinsam mit künstlicher Intelligenz entstanden sind. Und im letzten Magazinbeitrag habe ich geschrieben, dass die schwedische Fassung dieser Website mit KI übersetzt wurde und noch kein Muttersprachler daraufgeschaut hat.
Nichts davon musste ich diese Woche ändern. Genau darum geht es: Wer ohnehin sagt, wie er arbeitet, den holt eine Kennzeichnungspflicht nicht ein.
Der ehrliche Haken
Ein Wasserzeichen ist kein Lügendetektor.
Es erkennt Texte aus einem bestimmten Modell — nicht „KI-Inhalte“ allgemein. Es braucht eine gewisse Textlänge, um zuverlässig zu funktionieren; bei zwei Sätzen bleibt wenig Muster übrig. Es überlebt starkes Umschreiben nicht unbedingt. Und der Prüfzugang ist nicht öffentlich, sondern läuft vorerst in einem begrenzten Programm.
Wer also hofft, künftig per Knopfdruck jede Bewerbung oder Hausarbeit prüfen zu können, wird enttäuscht. Und wer fürchtet, dass ab September jeder Text öffentlich als „KI“ gebrandmarkt wird, ebenso.
Was ich Ihnen raten würde
Nichts überstürzen. Es gibt keinen Grund, Texte zurückzuziehen oder Projekte zu stoppen.
Aber einmal hinschauen: Ist Ihr Chatbot als solcher erkennbar? Steht in Ihrer Datenschutzerklärung, welche KI-Dienste Sie einsetzen? Wissen Sie, wer in Ihrem Betrieb welche KI-Werkzeuge benutzt — und mit welchen Daten?
Diese drei Fragen sind in einer halben Stunde beantwortet. Sie sind mehr wert als jede Aufregung über ein Wasserzeichen, das man ohnehin nicht sieht.
Häufige Fragen
Ändert das Wasserzeichen die Qualität der Texte?
Nein. Es beeinflusst nur die Auswahl zwischen gleichwertigen Formulierungen. Sinn, Länge, Lesbarkeit und Preis bleiben unverändert; es kommen keine sichtbaren Zeichen hinzu.
Kann jemand daran erkennen, dass ich einen Text geschrieben habe?
Nein. Das Muster verweist auf das Modell, nicht auf die Person oder Firma, die es benutzt hat. Es enthält keine Nutzerdaten und keine Gesprächsinhalte.
Muss ich meine bestehenden Texte kennzeichnen oder löschen?
Nach heutigem Stand nicht. Die Markierung betrifft neu erzeugte Ausgaben ab dem jeweiligen Stichtag. Ob und wie Sie veröffentlichte Inhalte kennzeichnen müssen, hängt vom Einzelfall ab — das gehört mit Ihrer Rechtsberatung geklärt.
Gilt das nur in Europa?
Die Markierung wird im Modell selbst vorgenommen und wirkt deshalb überall, auch wenn Sie den Dienst über eine amerikanische Cloud-Plattform nutzen. Die gesetzliche Pflicht dahinter stammt aus der EU.
Was ist die dringendste Aufgabe für einen kleinen Betrieb?
Der Chatbot. Wenn Besucher mit einer KI sprechen, müssen sie es wissen. Ein Satz im Chatfenster erfüllt das — und kostet nichts außer fünf Minuten.