Anfang September habe ich meine Website prüfen lassen – von 28 KI-Agenten gleichzeitig. Acht Minuten später konnte ich sie selbst nicht mehr aufrufen. Der Server hatte meine Anfragen für einen Angriff gehalten und meine Adresse gesperrt. Nichts war kaputt. Aber ich hatte gerade den Unterschied zwischen zwei Arten erlebt, mit KI zu arbeiten.
Was „Vibe Coding“ ist
Seit 2025 gibt es ein Wort dafür, wie die meisten Menschen KI benutzen: Vibe Coding. Man beschreibt, was man will, nimmt, was die KI liefert, schaut nicht genauer hin – und wenn es klemmt, beschreibt man es eben noch einmal. Das funktioniert erstaunlich gut. Für einen Nachmittag. Für einen Prototyp. Für alles, was niemand später verantworten muss.
Es funktioniert nicht für eine Website, die Kunden bringen soll. Nicht für ein Programm, das Ihre Belege verarbeitet. Nicht für einen Chatbot, der in Ihrem Namen antwortet. Denn die KI ist schnell, unermüdlich – und hat keinen Instinkt für Konsequenzen. Was sie falsch macht, macht sie genauso schnell und unermüdlich falsch.
Was Agentic Engineering anders macht
Der Gegenbegriff heißt Agentic Engineering. Die Idee: Die KI darf die Arbeit machen – lesen, schreiben, testen, ausführen –, aber die Regeln des Handwerks bleiben. Fünf davon halte ich für entscheidend.
1. Die Regeln stehen in einer Datei, nicht im Kopf. Bei mir liest die KI bei jedem Start ein Regelwerk: keine Zugangsdaten im Code, nichts auf den Server ohne Freigabe, vor jeder Änderung eine Sicherung. Was nicht aufgeschrieben ist, gilt nicht.
2. Grenzen, die die KI nicht umgehen kann. Es reicht nicht, die KI zu bitten. Bei mir blockiert eine technische Sperre jedes Hochladen auf den Server, solange keine Sicherheitsfreigabe vorliegt. Die KI kann das nicht abschalten – und genau das ist der Sinn der Sache. Ich habe in diesem Jahr aus nächster Nähe erlebt, wie ein Auftritt gehackt wurde, der genau so entstanden war: schnell online, Absicherung „später“.
3. Messen statt glauben. Die KI sagt „erledigt“. Ich prüfe von außen, ob es stimmt. Mein eigenes Prüfwerkzeug hat mir dieses Jahr zweimal Fehler gemeldet, die keine waren. Ein Programm prüft man nie mit dem Werkzeug, das man gerade prüft.
4. Skripte statt Handgriffe. Jede Änderung an meiner Website läuft als Skript, das man wiederholen, lesen und zurückdrehen kann. Ein Handgriff ist morgen vergessen. Ein Skript ist morgen noch da.
5. Kleiner Schadensradius. Was die KI anfassen darf, muss zurückholbar sein. Und was sie liest – eine Webseite, eine E-Mail, ein Dokument –, darf sie nicht als Befehl verstehen. Das ist der Punkt, an dem KI-Systeme heute am häufigsten angegriffen werden.
Was ich selbst mache – und wo ich gescheitert bin
Die 28 Agenten waren meine Idee, und sie war richtig: Jeder hat eine andere Seite meiner Website geprüft – Titel, Links, strukturierte Daten, die schwedische Übersetzung. Was gefehlt hat, war die Bremse. Niemand hatte ihnen gesagt, wie viele Anfragen ein Server verträgt. Der Server hat das für mich erledigt. Seitdem laufen solche Massenprüfungen über einen anderen Weg, und von außen gibt es nur noch Stichproben. Die Lektion war 25 Minuten Aussperrung wert.
Ein zweites Beispiel, das gut ausging: Meine Belegverarbeitung hat in vier Wochen 91 Belege erkannt und abgelegt. Elf davon – rund zwölf Prozent – hat sie mir zur Kontrolle vorgelegt, statt sie zu verbuchen. Das ist kein Fehler des Programms, sondern seine wichtigste Eigenschaft: Wenn es sich nicht sicher ist, entscheidet es nicht.
Und ein drittes, das ohne Prüfung schiefgegangen wäre: Beim Korrigieren von Seitentiteln hatte die KI die Datensätze über ihre Nummern angesprochen. Auf meinem Testsystem stimmten die Nummern nicht mit der Live-Seite überein – die Korrektur wäre auf den falschen Seiten gelandet. Der Test hat es gefangen, bevor es online ging. Ohne Test hätte ich es beim nächsten Kunden gemerkt.
Der ehrliche Haken
Agentic Engineering kostet etwas, das Vibe Coding nicht kostet: Zeit für Regeln, bevor es losgeht. Wer sie nicht investiert, hat am Anfang Tempo und am Ende Aufräumarbeit. Und die KI ersetzt kein Fachwissen – sie verstärkt es. Wer nicht beurteilen kann, ob ein Ergebnis stimmt, kann es auch mit KI nicht.
Was das für Ihren Betrieb heißt
Sie müssen kein Programmierer werden. Aber wenn Sie KI einsetzen – einen Chatbot, eine Automatisierung, ein Werkzeug, das Ihnen jemand gebaut hat –, stellen Sie drei Fragen: Wer prüft, was die KI liefert? Was darf sie nicht? Was passiert, wenn sie einen Fehler macht? Wer darauf keine Antwort hat, betreibt Vibe Coding im Betrieb. Wer eine hat, betreibt Agentic Engineering – auch ohne das Wort zu kennen.
Häufige Fragen
Ist Vibe Coding immer schlecht?
Nein. Für Prototypen, Experimente und Dinge, die niemand später verantworten muss, ist es genau richtig. Problematisch wird es, wenn ein Prototyp still zum Produktivsystem wird.
Brauche ich dafür eigene Entwickler?
Nicht zwingend. Aber jemanden, der die Regeln setzt und das Ergebnis fachlich prüfen kann – intern oder extern. Das ist das, was ich für meine Kunden übernehme.
Was ist der Unterschied zu Agentic Coding?
Agentic Coding beschreibt das Werkzeug: KI-Agenten, die Code schreiben und ausführen. Agentic Engineering beschreibt die Disziplin darum herum: Regeln, Prüfung, Verantwortung. Das eine ohne das andere ist Vibe Coding mit größerem Schadensradius.
Wie schütze ich einen Chatbot vor Manipulation?
Indem er alles, was er liest, als Information behandelt und nie als Anweisung. Eine Webseite oder E-Mail, die „ignoriere deine Regeln“ sagt, darf ihn nicht umstimmen. Das gehört zu den Grundregeln, die man vor dem Start festlegt – nicht danach.
Kann ich eine bestehende KI-Lösung nachträglich absichern?
Ja, und meist mit überschaubarem Aufwand: Regeln aufschreiben, Rechte begrenzen, Prüfung von außen einrichten, Sicherung und Rückweg klären. Ein halber Tag Bestandsaufnahme zeigt, wo die Lücken sind.